Wie schmeckt der Eintopf? Zwei Mal Mond-Pluto und die darunter liegenden Sternenmythen

Written by on November 24th, 2013 // Filed under Astrologie, Visual Astrology

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 Foto: Christian König

Wenn wir Planeten deuten, beziehen wir uns auf übergeordnete, kollektive Muster und schließen – über die Kunst der Astrologie – daraus, wie ein Individuum diese kollektiven Muster in sein Leben integriert. Zum Beispiel symbolisiert eine Merkur-Pluto-Kombination ein Muster von mentaler Intensität – aber mit einer enormen Spannbreite an menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten: von scharfer Beobachtungsgabe bis hin zur neurotischen fixen Idee.

Während der Astrologe sorgfältig alle Zutaten für seinen Horoskop-Eintopf zusammenträgt und dann alles in den Synthese-Kochtopf wirft – Aspekte, Planeten, Tierkreiszeichen, Häuser, Häuserherrscher, Dispositorenverknüpfungen, Sensitive Punkte, Würden, … –  stellt er sich ununterbrochen die Frage, wie diese individuelle Eintopf-Komposition wohl am Ende schmecken wird. Jede einzelne Zutat kann für sich allein zwar konkret benannt und in ihrem Einzelgeschmack beschrieben werden – aber gibt es eine Zutat, die am Ende den Geschmack des Eintopfes dominiert? Gibt es einen harmonischen Gesamtgeschmack? Eine hundertprozentige Antwort darauf wird es wohl Gott sei Dank nie geben, aber vielleicht könnten wir etwas klarer sehen, wenn wir einmal unseren Blick von der Ekliptik weglenken und den großen Zusammenhang – den gesamten Sternenhimmel – betrachten.

Planeten sind nicht nur Wandelsterne, die mit mathematischer Präzision durch den Tierkreis laufen, sondern sind mit Konstellationen und deren z.T. jahrtausende alten mythologischen Bezügen verbunden. Alte Götter sterben nicht, aber sie haben Unterschlupf in Bäumen und Flüssen gefunden, sagt der Mythologe Sean Kane (1998) sehr treffend. Auf die Astrologie bezogen: unsere Bäume und Flüsse sind die Sterne und Sternbilder, die nicht „gestorben“ sind; aber wir haben aufgehört, ihnen zuzuhören.

Welchen Sinn es hat, ihnen zuzuhören, mögen folgende Beispiele verdeutlichen. Die verwendete Technik (hier wird mit Parans gearbeitet und nicht mit der Projektion der Fixsterne auf die Ekliptik) habe nicht ich erfunden, sondern wurde von der international renommierten Astrologin Bernadette Brady (2008) wiederentdeckt. Alle Stern-Planet-Interpretationen stammen von ihr.

Zwei bekannte Persönlichkeiten des 20. Jahrhundert – John Lennon und Muhammad Ali – haben beide einen Wassermann-Mond in Opposition zu Pluto. Das kann eine herausfordernde Konstellation sein: Ein intellektueller, unabhängiger Mond, der Freiheit, Wissen und Gruppenzugehörigkeit sucht und ein zu tiefes emotionales Eingebundensein nicht sehr schätzt. Gleichzeitig erlebt er immer wieder intensive, leidenschaftliche Gefühle oder muss sich in Beziehungen mit Macht- und Ohnmacht-Themen auseinandersetzen – und das alles fängt bei Muttern an. Natürlich sind die Horoskope von Lennon und Ali sehr unterschiedlich, aber für den Moment konzentrieren wir uns nur auf den Wassermann-Mond in Opposition zu Pluto.

 

Horoskop_Muhammad Ali

Grafik: Solar Fire Gold V. 7.3.1 | astrolabe

Muhammad Alis Mond ist mit dem Fixstern Hamal (Alpha Arietis) im Sternbild Aries (Widder) verbunden. Brady schreibt: „Ein populärer aggressiver Einzelgänger oder Gauner. Autoritäten herausfordern, aber auf eine Weise, die von anderen geliebt oder geschätzt wird“. Sein Mond ist leidenschaftlich (Opposition Pluto) in Bezug auf das Kämpfen (Fixstern Hamal), aber nicht wild und ungebärdig, sondern sozial akzeptiert (Wassermann). Wir wissen auch, dass Ali auf dem Höhepunkt seiner Karriere soziales Bewusstsein zeigte, indem er öffentlich den Vietnamkrieg ablehnte und die Emanzipations-bewegung der Afroamerikaner unterstütze. Sein Mond ist außerdem mit dem Fixstern Menkar (Alpha Ceti) im Sternbild Cetus, dem Wal, verbunden. Dieser Stern symbolisiert die Gezeiten des kollektiven Unterbewusstseins; in Kombination mit dem Mond (nach Brady): „Den Bedürfnissen des Kollektivs emotional verpflichtet, oder empfänglich für die Bedürfnisse des Kollektivs. Jemandes Handlungen haben weit reichende Auswirkungen.“ Alis Pluto ist mit Alkes (Alpha Crateris) im Sternbild Crater (Becher, Kelch) verbunden. Pluto-Alkes: „Eine ewige Flamme wird entzündet, um sich an gefallene Helden zu erinnern“. Erinnerungen an Alis Entzündung des Olympischen Feuers 1996 in Atlanta werden wach. Hier zeigt sich ein Kämpfer (Hamal) und ein sozial bewusster, leidenschaftlicher Mensch, der plötzlich ein Symbol für sein Kollektiv (Menkar) wird – und indem er zu diesem Symbol wird, wird er zu einem Kelch, aus dem „seine Leute“ trinken können (Alkes).

 

Horoskop_John Lennon

Grafik: Solar Fire Gold V. 7.3.1 | astrolabe

Auch John Lennon hatte einem Wassermann-Mond in Opposition zu Pluto. Lennons Mond weist viele Fixstern-Verbindungen auf. Hier ein paar Beispiele: Mond-Alkyone: „Einsichten in die dunklere Seite des Lebens haben.“ Mond-Mirach: „Der nach Frieden strebende Künstler oder ein nachdenkliches, ichbezogenes Individuum.“ Alkyone (Eta Tauri) ist der hellste Stern der Plejaden. Starke Alkyone-Kontakte im Horoskop eines Menschen symbolisieren jemanden, der inneres Wissen und mystische Einsichten sucht. Dieses Bedürfnis verbindet sich mit dem rezeptiven Stern Mirach (Beta Andromedae). Lennons Mond hat kein Bedürfnis nach dem Kampf für kollektive Themen (wie Ali). Sein Mond zeigt sich leidenschaftlich (Opposition-Pluto) in Bezug auf seine Kunst (Mirach) und er nutzt die Kunst, um inneres Wissen und mystische Einsichten zu erlangen (Alkyone) und seinem Verlangen nach Frieden Ausdruck zu verleihen (Mirach). Auf dem Höhepunkt der „Beatlemania“ interessierte sich Lennon nicht für schnelle Autos, er erforschte alternative spirituelle Philosophien und verwendete Drogen, um mystische Einsichten zu erzwingen. Unvergessen sein einwöchiges „Bed-In“ mit Yoko Ono, um ein sichtbares, gesellschaftliches Zeichen für den Frieden zu setzen (Wassermann-Mond mit Fixstern Mirach), unvergessen sein „Give Peace a Chance“ und „Imagine“.

In beiden Fällen haben die Mythen der Sterne das Mond-Pluto-Thema des Horoskops nicht überschrieben oder verwässert, sondern es einfach auf den Punkt gebracht. Der Astrologe sieht sich nicht länger einem breiten Interpretations- und Ausdrucksspektrum gegenüber. Der Bereich, in dem sich das planetarische Thema zeigt, und die Art und Weise, wie es sich im Leben des Horoskopeigners konstelliert, ist klar zu erkennen. Indem wir die gesamte Himmelskuppel in der Deutung mitberücksichtigen, können wir uns wieder den alten Mythen und Geschichten öffnen, die unsere Ahnen an den Himmel projiziert haben.

 

Literatur

Brady, Bernadette (2008). Star and Planet Combinations. Bournemouth: Wessex Astrologer Ltd.
Kane, Sean (1998). The Wisdom of the Mythtellers. Peterborough, ON: Broadview Press Ltd.