Fixstern-Astrologie: Zurück in die Zukunft

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Die Sterne und der ganze Kosmos sind „beseelt“ – jedenfalls für mich und aus diesem Grund behandele ich beide mit Respekt. Ein Respekt, eine Betrachtungsweise, die anerkennt, dass sie einen ganz bestimmten, dreidimensionalen Platz am Firmament haben, und dass sie nicht zweidimensional auf der Ekliptik liegen. Ich weiß, dass die meisten Astrologen die Sterne lieber auf die Ekliptik projizieren (ekliptikale Länge) – wie Schmetterlinge, die auf einem Brett aufgespießt werden (vgl. Abb.).

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Grafik: Christian König, erstellt mit „Starlight“ | Zyntara.com

Warum man das macht, ist mir schleierhaft. Was hat die Ekliptik mit den Fixsternen zu tun? Die Ekliptik ist für unser Sonnensystem relevant, sie ist die Grundlinie unseres „Stammes“. Planeten darauf zu projizieren macht deswegen sehr viel Sinn, denn sie gehören zur Sonnen-Familie. Und die Mitglieder unserer Sonnen-Familie (die Planeten) sprechen eine gemeinsame Sprache: die Sprache der Sonne. Aber was sind Sterne? Sterne sind eigene Sonnen, haben z.T. eigene Planetensysteme, sind also eigene „Stämme“, eigene „Familien“, die möglicherweise eine ganz andere Sprache sprechen.

Fixsternastrologie funktioniert meiner Erfahrung nach viel besser, wenn man die Sterne aus der unbeweglichen Rigidität der Projektion befreit. Deswegen arbeite ich viel lieber mit einer alten, ägyptischen Methode, die wir heute „Parans“ nennen (bzw. einer Abwandlung dieser Methode nach Cyril FAGAN (1958)). Was Parans genau sind, können Sie hier> nachlesen.

Nicht nur der Augenblick der Geburt, sondern der ganze Geburtstag (von Sonnenaufgang bis zum nächsten Sonnenaufgang) wird berücksichtigt, denn im Großen (Tag) wie im Kleinen (Geburtsmoment) ist ja immer das Ganze enthalten. Mit der Analyse des ganzen Geburtstages betonen die Parans die Dynamik einer Persönlichkeit, die in die Zeit gestellt ist.

Okay, ich gebe es zu: es ist viel schwieriger, mit Parans zu arbeiten, weil Sterne und Planeten hier nicht über eine einfache, geometrisch-mathematische Prozedur auf einen bestimmten Tierkreisgrad gezwungen werden. Parans arbeiten stattdessen mit der Beziehung der Sterne und der Erde zueinander, in Bezug auf den exakten Standort des Beobachters.

Wenn man auf diese Weise mit Fixsternen arbeitet, werden Ort und Zeit elegant miteinander verwoben, denn wenn Sie den Ort ändern (andere geographische Breite), dann ändern sich auch die Parans. In der Vergangenheit konnten Astrologen nur mit Parans arbeiten, wenn sie direkt den Himmel beobachteten oder wenn sie ein Astrolabium besaßen. Heute haben wir Computer – und Parans können bequem mit verschiedenen Softwarelösungen (ich benutze Starlight und Sarastro) berechnet werden.

Parans selbst sind ziemlich alt. Z.B. arbeitete der Astrologe ANONYMOS 379 (1994) mit Parans zwischen Sternen und Planeten (Anonymos lebte 379 nach Christus). Nur für Sterne, die nahe oder ganz auf der Ekliptik liegen (wie z.B. Spica oder Regulus), sei es vertretbar – so Anonymos 379 -, diese auf die Ekliptik zu projizieren. Bei allen anderen Sternen solle man besser mit Parans arbeiten. PTOLEMÄUS (1993) selbst befasste sich in „The Phases oft the Fixed Stars“ mit den einzigartigen Aufgangs- und Untergangs-Rhythmen eines Sterns, bezogen auf eine bestimmte geographische Position. Parans haben also schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel und sind keine neumodische Erfindung.

Über die Methode der Parans kann man auch wunderbar prognostisch mit Fixsternen arbeiten. Primärdirektionen (je nach Schlüssel entsprechen hier ca. 4 Minuten einem Jahr) und auch Sekundärdirektionen (ein Tag gleich ein Jahr) funktionieren wunderbar mit der Parans-Methode. Schon 1998 schlägt BRADY z.B. eine Verbindung von Parans mit Solaren vor. Da Parans ortsabhängig sind, kann man bei „herausfordernden“ (mundanen) Transiten wunderbar den Globus abscannen, und nachsehen, an welchem Ort sich zusätzlich zu dem Transit noch entsprechende Fixstern-Planeten-Parans ergeben, die anzeigen, wo genau auf der Welt der Transit sich manifestieren könnte. Denn der Transit gilt ja erst einmal für den ganzen Globus.

Mit Fixstern-Planeten-Parans zu arbeiten ist für mich auch eine ethische Frage: wie gehe ich mit dem Firmament um? Wie behandele ich es? Das mag seltsam klingen, aber wenn wir Astrologen den Himmel als „beseelt“ betrachten („Wie oben, so unten“), dann ist es eben nicht in Ordnung, uns den Himmel einfach so zu stricken, wie wir ihn bequemer Weise gerne hätten, sondern ihn so anzunehmen, wie er ist. Deswegen möchte ich allen Astrologen, die mit der Projektionsmethode arbeiten, ganz ernsthaft die Frage stellen: ist es zulässig, nur über unsere eigene Sonnenbahn, die Ekliptik, nach den Sternen zu greifen? Wir Astrologen regen uns fürchterlich darüber auf, dass viele Menschen glauben, Astrologie sei mit Zeitungshoroskopen gleichzusetzen. Ich möchte dieses Argument auf die Sterne ausweiten: ich rege mich fürchterlich darüber auf, wenn einige Menschen die Sterne nur durch die mathematische Linse unserer Sonne wahrnehmen – und nicht einmal in Betracht ziehen wollen, dass sie, die Sterne, das Recht auf ihren ureigenen Platz am Firmament haben. Man darf das dreidimensionale Firmament nicht auf die Linie der Ekliptik reduzieren.

Sirius-Sonne-Astrologie-Fixsterne

Grafik: Christian König, erstellt mit „Starlight“ | Zyntara.com

Aber genau das macht die Projektionsmethode: sie ignoriert die ekliptikale Breite (die Entfernung eines Sterns von der Ekliptik, die „Höhe“ sozusagen). Das impliziert, dass alle Fixsterne direkt auf dem Band der Ekliptik liegen – schön säuberlich aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. So kommt es zu so absurden Aussagen wie: „Sirius ist in Konjunktion mit meiner Sonne“. Das macht ungefähr genauso viel Sinn als wenn man sagen würde, dass London (0 Grad östliche Länge) sich auf dem Globus an genau derselben Stelle befindet wie Accra, die Hauptstadt von Ghana (ebenfalls 0 Grad östliche Länge). Tatsächlich ist Sirius aber 40 Grad (südlich unterhalb der Ekliptik) von der Sonne entfernt. (vgl. Abb.)

Wie ich schon sagte: für mich ist das eine ethische Frage; ich glaube, dass nicht alles auf die Ekliptik heruntergebrochen werden muss. Ich glaube, dass wir Kinder des Kosmos sind, und als solche sind wir weit mehr als nur unser Sonnensystem (und die Ekliptik).

Was bringen uns die Fixsterne? Der entscheidende Punkt: wenn wir mit Parans arbeiten, bieten uns die Sterne die Möglichkeit, das ganze dreidimensionale Firmament in die Astrologie miteinzubeziehen – quasi vom zweidimensionalen Horoskop den Sprung ins Dreidimensionale zu wagen. Dadurch wird auch die Deutung dreidimensionaler, vertieft und erweitert sich.

Ein wichtiges Element jedes Horoskopes sind die Aspekte – mit einer großen Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, einem Spektrum von Potenzialen. Zum Beispiel symbolisiert eine Merkur-Pluto-Kombination ein Muster mentaler Intensität. Auf der einen Seite der Normalverteilungskurve kann diese Kombination ein Potenzial für einen in die Tiefe gehenden, forschenden Intellekt anzeigen, auf der anderen Seite möglicherweise ein neurotisch-paranoides Verhaltensmuster. Wenn wir diesen Aspekt in einem Radixhoroskop vorfinden, bedeutet das, dass dieser Mensch das Potenzial dieses spezifischen Musters in seinem Leben auf die eine oder andere Art entfalten wird. Der Astrologe muss sich also entscheiden, wie sich diese Merkur-Pluto-Konstellation ausdrückt: vielleicht als Sorge und Angst in Bezug auf das Leben? Oder vielleicht als stark fokussierter Intellekt? Oder vielleicht … ?

Wenn ein Planet nun mit einem Stern eine Paran-Beziehung eingeht, dann strömt die Mythologie des Sterns – bildlich gesprochen – in den Planeten. Wenn also die Mythologie des Sternes sehr intensive und dramatische Themen beinhaltet, dann weiß der Astrologe, dass der Merkur-Pluto-Aspekt sich eher dramatisch-intensiv ausdrücken wird und ebenso gedeutet werden sollte. Wenn der Stern thematisch aber z.B. eher mit Innovation und Erfindungsgeist zu tun hat, würde man zu einer Deutung tendieren, die einen erfindungsreichen, fokussierten Verstand in den Fokus rückt. Und genau das ist es, was die Fixsterne der Astrologie schenken: Klarheit!

Wenn wir also damit aufhören, Sterne wie Planeten zu behandeln („Spica ist eine Mischung aus Merkur und Venus“) und sie nur dann beachten, wenn sie auf der Ekliptik festgenagelt sind, dann werden sie uns ein großes Geschenk machen: ihre alten Mythen, die wir seit Jahrtausenden auf das Firmament projizieren (manche gehen wohl auf die Zeit der Jäger und Sammler zurück), werden lebendig und fließen ins Horoskop.

Zugegeben, das geschieht durch eine ungewohnte, merkwürdige, neuzeitlich aufgepeppte, altägyptische Methode, die mit der Ekliptik so gar nichts zu tun hat. Aber wenn man in der Astrologie auch andere Stimmen zulässt und ihnen zuhört (und nicht nur hartnäckig in den Grenzen des zweidimensionalen Horoskops verharrt), glaube ich, dass wir einen sehr viel schärferen Fokus bei der astrologischen Deutung erreichen können.

 

Literatur
  • ANONYMOS OF 379 (1994). The Treatise on the Bright Fixed Stars. Project Hindsight. Greek Track, Volume II-A. Berkely Springs: The Golden Hind Press.
  • BRADY, BERNADETTE (2008a). The Way the Sky Appears to Move: Diurnal Motion and Parans. http://www.zyntara.com/starlight_tutorials_skyparans.html. Zugriff am 12.07.2015.
  • BRADY, BERNADETTE (2008b). Star and Planet Combinations. Bournemouth: Wessex Astrologer Ltd.
  • FAGAN, CYRIL (1958). Heliacal Phenomena and the Origin of the Exaltations or Hypsomata. Soluars, 9.
  • KÖNIG, CHRISTIAN (2013). Nach den Sternen greifen. Meridian 13/02, 8 – 14.
  • PTOLEMY, CLAUDIUS (1993). The Phases of the Fixed Stars. Project Hindsight. Greek Track, Volume III. Berkely Springs: The Golden Hind Press.
  • ROBSON, VIVIAN (1990). Fixsterne. Bedeutung und Konstellationen im Horoskop. München: Hugendubel.